Herstellerprofil: FiftyOne Bikes

Im ersten Teil einer neuen Serie, die einen detaillierten Blick auf die unglaublich talentierten und vielfältigen Hersteller wirft, mit denen ENVE zusammenarbeitet, stellen wir FiftyOne Bikes aus Dublin, Irland, vor, um mehr über alte Einflüsse, Zufallsbegegnungen und eine geniale Methode zur Entwicklung von Lackierungen zu erfahren.

FiftyOne versteht etwas, das nur wenige andere Hersteller wissen – in den meisten Fällen beginnt man den Prozess, das Traumfahrrad eines Kunden zu bauen, nicht damit, ihm ein leeres Blatt zu reichen; man kann nicht einfach durch Fragen herausfinden, was der Kunde möchte. Man muss nachbohren, nachforschen, recherchieren. Man muss den Kunden wirklich verstehen.

Dieses Ethos steht im Mittelpunkt von FiftyOne und entstand aus einem Samen, der vor Jahrzehnten gepflanzt wurde, als Gründer Aidan Duff zu Hause in Irland und dann in Europa professionell für Teams wie Vendée U Rennen fuhr.

„Das war vor 20 Jahren", erzählt er uns, „bevor Carbon-Monocoques die Oberhand gewannen, also sind alle Rahmen, die ich seit meiner Juniorenzeit hatte, handgefertigt nach meinen Maßen gewesen, und ich konnte die Eigenschaften, die ich wollte, in sie einarbeiten. Als ich anfing, die Erfahrung und das Endprodukt, das ich damals hatte, mit dem zu vergleichen, was heute verfügbar ist, und insbesondere mit den Preisen, die die Leute bereit sind, für einen chinesischen Serienrahmen zu zahlen, dachte ich: ‚Da stimmt etwas nicht, wenn die Leute 10.000, 12.000 oder sogar 15.000 € für ein Fahrrad ausgeben, ohne irgendeinen Einfluss darauf zu haben, wie es aussehen, fahren oder passen soll.'

„DIE GROSSEN MARKEN HABEN FÜR CUSTOM-HERSTELLER DIE TÜR WEIT AUFGESTOSSEN, WEIL DIE HALO-MODELLE INZWISCHEN SO TEUER SIND. ICH FINDE DAS ZIEMLICH AUFREGEND"

„Alle großen Hersteller wählen bei der Geometrie die sichere Option, was normal ist, weil sie Fahrräder für einen globalen Markt produzieren, aber das bedeutete, dass ich egal was ich bereit war auszugeben, kein Fahrrad finden konnte, das sich so anfühlte, wie ich es wollte. Das fing mich langsam wahnsinnig zu machen, denn wenn man mit hoher Geschwindigkeit bergab fährt, ist es der Unterschied zwischen echtem Vertrauen und dem Gefühl, dem Fahrrad nicht vertrauen zu können. Die großen Marken haben für Custom-Hersteller die Tür weit aufgestoßen, weil die Halo-Modelle inzwischen so teuer sind. Ich finde das ziemlich aufregend."

„Ich wusste, dass ich einen ganzheitlicheren Ansatz für den Fahrradbau und das Kundenerlebnis liefern wollte, und das war es, was länger dauerte – herauszufinden, wie man das tut, angesichts der Fähigkeiten, die ich hatte, und der Menschen in meinem Team. Ich habe 20 Jahre Erfahrung in der Fahrradbranche, aber die liegt hauptsächlich im Einzel- und Großhandel. Also war mir die Vertriebs- und Marketingseite ziemlich vertraut, aber das Konzept und die Produktion – da mussten wir wirklich in Menschen investieren und zusätzliche Kompetenzen einbringen."

In der Regel unternimmt der Vertriebs- und Marketingtyp an diesem Punkt eine Reise nach China, besucht einige Fabriken, wählt einen ausreichend soliden Open-Mold-Rahmen aus und kehrt dann nach Hause zurück, um die Aufkleber und das Steuerohrschild zu gestalten, die die schwere Arbeit des Markenaufbaus übernehmen sollen, anstelle jeglicher technischen Überzeugung. Das ist natürlich ein Gräuel für Aidan und steht im Widerspruch zu seinen prägenden Erfahrungen als Juniorfahrer. Stattdessen begann hier die Suche nach einem Hersteller, der die Arbeit richtig machen konnte.

„Ich wusste, dass wir in der Lage sein mussten, maßgefertigte Geometrien anzubieten, was jede Fertigung im Fernen Osten ausschloss. Wir schauten uns in Europa um, insbesondere in Italien, wo es einige Werkstätten gibt, die diese Art von Service anbieten, aber als wir das Niveau der Handwerkskunst und die aufgewendete – oder eben nicht aufgewendete – Zeit sahen, waren wir ziemlich enttäuscht. Wir hatten uns vorgestellt, dass ein einzelner Mann ein Fahrrad von Anfang bis Ende baut und ein kleines Stück seiner Seele in jedes Werk einbringt. Die Realität ist natürlich, dass diese kleinen Werkstätten versuchen, ein Geschäft zu betreiben, also produzieren sie sieben oder acht Rahmen pro Tag. Die Zeit, die sie für jede Einheit aufwendeten, war nicht ausreichend, und ich fand die Ergebnisse nicht gut genug."

„Ich war nicht bereit, Kompromisse einzugehen, also saßen wir in der Klemme: Wir wollten es nicht in Asien machen und wir wollten es nicht in Europa machen, was bedeutete, dass wir es selbst tun mussten."

„ICH LIEBE ES, DASS WIR DIESE WIRKLICH ALTMODISCHEN MASCHINEN HABEN UND SIE NUTZEN, UM SEHR MODERNE RAHMEN HERZUSTELLEN"

Es ist eine Sache, den Rahmenbau nach eigenen Vorgaben auszulagern, eine ganz andere, sich selbst als Hersteller aufzustellen. Unerschrocken machte sich Aidan daran, herauszufinden, was er brauchte und wo er es bekommen konnte. Diese Suche führte ihn nach Bayern in Deutschland, wo er unter anderem seinen entscheidenden Wendepunkt fand.

„Nach langer Suche hatte ich von Mauro Sannino erfahren, einem Meister im Bau von Stahlrahmen, der seine Talente auf Carbon übertragen hatte. Wir besuchten ihn in Süddeutschland, um mehr zu erfahren, die Produktion zu besichtigen und besser zu verstehen, welche Maschinen wir benötigen würden. Erst am Abend vor unserer geplanten Abreise erfuhren wir, dass Mauro in den Ruhestand getreten war und seit über einem Jahr keinen Rahmen mehr gebaut hatte. Ich hätte die Reise fast abgesagt, dachte dann aber, dass wir trotzdem noch etwas lernen könnten. Als sie die Rollläden hochzogen, war es ein ziemlich trauriger Anblick, all diese Maschinen zu sehen, einige davon abgedeckt, andere nicht, einfach dort stehend und langsam dem Verfall preisgegeben. Ich schaute sie an und sie schauten mich an, und es war einer dieser Momente, verstehst du? Ich wusste, was ich tun wollte und was dafür nötig war, und hier stand mir diese Fabrik gegenüber – also hieß es ‚Jetzt oder nie'. Als die Fabrik in drei 40-Fuß-Lkw verpackt war und Kurs auf Irland nahm, gab es kein Zurück mehr. Wir mussten es zum Laufen bringen."

Im Gespräch mit Aidan wird klar, dass er sachlich einschätzen kann, was er selbst kann und was nicht, und dass er ein Talent dafür hat, die richtigen Leute zu finden. Rahmenbauer Aaron Marsit brachte umfangreiche Erfahrung im Bau von Stahlrahmen mit; auch Freunde aus der Branche, unter anderem bei ENVE, leisteten Unterstützung. Zunächst verbrachten sie Zeit damit, die Maschinen kennenzulernen, einige Rahmenteile herzustellen und dann komplette Rahmen zu Testzwecken zu bauen. „Im Nachhinein lässt sich leicht sagen, dass die Lernkurve gar nicht so schlimm war, aber jeder Schritt ist ein neuer Schritt, und man bricht in jedem Moment neues Eis. Ich liebe es, dass wir diese wirklich altmodischen Maschinen haben und sie nutzen, um sehr moderne Rahmen herzustellen."

Angesichts der Tatsache, wie tiefgreifend Aidans frühe Erfahrungen als Kunde für maßgefertigte Rahmen seine Ideen für FiftyOne beeinflusst haben, fragen wir uns, ob seine eigenen Vorlieben in Bezug auf das Fahrverhalten nun die Fahrräder beeinflussen, die sein Unternehmen baut. Wir sprechen ihn darauf an.

„Gute Frage. Ich habe immer ein steileres Steuerrohr bevorzugt. Damals war ein Steuerrohrwinkel von 74° oder 74,5° typisch. Ich mag es, wenn meine Fahrräder in Kurven wie auf Schienen fahren. Ich versuche, das den Kunden nicht aufzuzwingen, aber oft merken sie, wie leidenschaftlich ich zu diesem bestimmten Aspekt stehe, und das hat einige Kundenbauten beeinflusst."

„DAS WAR EINE GROSSE LERNKURVE FÜR UNS, ALSO SIND DIE ZEITEN DER LEEREN LEINWAND VORBEI"

Eines der interessantesten Dinge an FiftyOne ist das System, das entwickelt wurde, um Kunden dabei zu helfen, Vorstellungen davon zu entwickeln, wie ihr Fahrrad aussehen soll. Laien sagen so oft: „Ich kenne mich zwar nicht viel mit (Kunst, Wein, Fahrradlackierungen …) aus, aber ich weiß, was mir gefällt." Etwas Individuelles und zugleich Originelles zu entwickeln erfordert sowohl eine Möglichkeit, diese Vorlieben über bloße Beispiele hinaus zu artikulieren, als auch Kreativität. Wer künstlerisch nicht kreativ ist, kann eine weiße Seite einschüchternd finden.

„Das war etwas, das wir unterwegs lernen mussten", sagt Aidan, „denn als wir anfingen, dachten wir: ‚Das ist großartig, wir können alles machen.' Aber wenn man den Menschen eine leere Leinwand hinschieb, blockieren sie einfach.

„Bei einem der allerersten Rahmen, die wir gebaut haben, glaubten wir, alles im Griff zu haben, und fragten den Kunden: ‚Also, welchen Lackierauftrag möchtest du?' und er konnte es uns nicht sagen. Am Ende meinte er: ‚Ich habe einen McLaren Venge, mach einfach dasselbe, aber mit dem orangenen Teil in Grün', und das war der enttäuschendste Moment überhaupt. Mir wurde klar, dass wir etwas tun mussten, also gingen wir noch einmal zu ihm und fingen an, alle Schichten abzutragen. Er ist ein Autonarr und seine Leidenschaft gilt Porsche. Wir dachten, das sei etwas, worauf wir aufbauen könnten. Schließlich entlockten wir ihm, dass sein Traumauto dieser Rothmans Porsche 956 Le-Mans-Rennwagen war, und das wurde zur Inspiration für das Fahrrad. Wir brachten es zur Bespoked-Show in Großbritannien und es gewann den Campagnolo-Choice-Award. Das war eine große Lernkurve für uns, also sind die Zeiten der leeren Leinwand vorbei."

Um die echten ästhetischen Vorlieben jedes Kunden konsequent zu ergründen, begann FiftyOne zwei neue Werkzeuge einzusetzen, die so verschieden voneinander sind wie von den jahrzehntealten Rahmenbaumaschinen: einen psychometrischen Test und Pinterest. Auf sehr unterschiedliche Weise überwindet jedes der beiden Werkzeuge etwaige Schwierigkeiten des Kunden, auszudrücken, was ihm gefällt. Das ist genial.

„Der psychometrische Test beschleunigt den Aufbau einer Beziehung zwischen uns und gibt uns ein viel besseres Bild von den Kunden. Wir arbeiten auch viel mit Pinterest. Wenn ich den Kunden frage, was ihnen gefällt, haben sie vielleicht Schwierigkeiten, alles in Worte zu fassen, aber über Pinterest können wir Muster erkennen. Vielleicht mögen sie Kontraste oder bestimmte Grundfarben. Es ist ein weiteres Werkzeug, um die Beziehung zwischen uns und dem Kunden zu vertiefen."

„Das Beste, womit ich es vergleichen kann, ist folgendes: Wenn man sein eigenes Haus bauen würde, würde man einen Architekten engagieren. Man wäre nie auch nur einen Moment lang auf sich allein gestellt, aber wenn es darum geht, zum ersten Mal den Schlüssel in der Tür umzudrehen, besteht kein Zweifel daran, dass es das eigene Haus ist, kein Risiko, dass man nicht zufrieden sein wird, weil man jeden Schritt auf dem Weg selbst bestätigt hat."

Diese aufstrebende Marke baut nicht das Fahrrad, das ihr Designer gerne hätte, und gibt sich auch nicht damit zufrieden, das Fahrrad zu bauen, das man zu wollen glaubt; sie hat sich dem Bau des noch besondereren Fahrrads verschrieben, von dem man nicht einmal wusste, dass man es wollte. Kein Wunder, dass sie so schnell Fahrt aufnimmt.

FiftyOne steht an der Spitze dessen, was eine neue Welle im Rahmenbau werden könnte, in der maßgefertigte Rahmen allein nicht mehr ausreichen. Diesmal ist es persönlich.